Aktuell Digitalisieren

Gotha transdigital – Digitalisierung Münzkabinett

Zu Besuch bei dem Numismatiker Marjanko Pilekić im barocken Schloss Friedenstein Gotha. Ein Gespräch über den Wandel, die Bedeutung von Münzen und die Kraft der Digitalisierung.

Barockes Schloss Stiftung Schloß Friedenstein Gotha

Die barocke Sammlung der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha (SSFG) wird digitalisiert und wandelt sich. Das Münzkabinett wird dabei als Teilbereich ebenfalls digitalisiert und die Stiftung beschreitet 2022 weitere Schritte auf dem Weg zur digital-kompetenten Kultureinrichtung. Das Kulturerbe.Digital-Team vom Mediendienstleister Fröbus ist mit an Bord und digitalisiert die bedeutende Münzsammlung – mit ca. 145.000 Objekten (Münzen, Geldscheine, Medaillen) im Rahmen des Projektes „Gotha transdigital“. Ziel ist es, bis Ende 2023 etwa 114.000 Objekte als 2D- und teilweise 3D-Daten zu erfassen.

„Die Digitalisierung des Münzkabinetts stellt uns als Stiftung vor umfangreiche Herausforderungen.“ 

Marjanko Pilekić; wissenschaftlicher Mitarbeiter Stiftung Schloss Friedenstein Gotha/Gotha transdigital 

Der Numismatiker Marjanko Pilekić betreut stiftungsseitig den Prozess der Münzdigitalisierung, die einen Teilbereich der Sammlungsdigitalisierung im Gesamtprojekt Gotha transdigital ausmacht. Die umfangreiche Digitalisierungsoffensive der SSFG, die durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Thüringer Staatskanzlei mit etwa 28 Millionen Euro gefördert wird, umfasst über 1 Millionen Objekte.

Herr Pilekić, was ist Ihre Aufgabe in der Stiftung und  beim Digitalisierungsprojekt Gotha transdigital?

Mein Name ist Marjanko Pilekić und ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Numismatik der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha im Projekt Gotha transdigital. Das Projekt hat den Auftrag, bis 2027 einen großen Teil der Sammlung der Stiftung zu digitalisieren. Digitalisieren meint in diesem Kontext: Objektdigitalisierung, Forschung und Vermittlung. Im Digitalisierungsprojekt bin ich stiftungsseitig für die Objektdigitalisierung der numismatischen Sammlung zuständig. Die Gothaer Münzsammlung ist eine Universalsammlung, umfasst zweieinhalbtausend Jahre Geldgeschichte und besteht aus Münzen, Geldscheinen, Medaillen, Orden und auch Münzstempeln im Umfang von insgesamt 145.000 Objekten – von der ersten Münze aus der Zeit um 600 v. Chr. bis hin zu zeitgenössischen Prägungen.

Wie geht man die Digitalisierung einer so umfangreichen Sammlung an? Welche Priorisierungen setzen Sie?

Objektseitig digitalisieren wir nach keiner bestimmten Priorisierung. Das Depot wird Stück für Stück erfasst. Jedoch gibt es einen Bestand, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Coburg verbracht wurde und erst 70 Jahre später wieder zurück ins Haus kam. Diese Stücke bilden das barocke Herz der Sammlung und sind Bestandteil der ersten Tage der Sammlungsgründung – dies zu erfassen, ist mir persönlich besonders wichtig.

Erzählen Sie uns mehr zum eigentlichen Digitalisierungsprozess. Was sind die zentralen Herausforderungen?

Die zentrale Herausforderung liegt darin, dass die Digitalisate den Anforderungen zukünftiger wissenschaftlicher Erschließungen, aber auch Vermittlungsarbeit gerecht werden müssen. Bevor eine so umfangreiche Digitalisierung also starten kann, sind viele Fragen zu stellen und zu beantworten: Welche Datenformate (2D/3D) werden in welcher Qualität benötigt? Wie stellt man eine eindeutige Zuordnung von Digitalisat und physischem Objekt sicher? Wie stellt sich die Logistik vom Depot zur Digitalisierung und zurück dar? Welche und wie viele Ressourcen benötigt man? Welche technische Infrastruktur wird benötigt? Wo werden die Daten gespeichert? Welche Nutzungsrechte vergeben? Usw. 

Ein konkretes Beispiel: Wir haben im Anforderungsmanagement bestimmte Faktoren definiert, die auf grundsätzlichen Normen der Münzdigitalisierung basieren. Münzen sind Massenprodukte und das heißt, das digitale Abbild der Münze reicht nicht aus. Möchte man bspw. auf digitalen Plattformen wissenschaftlich mit einem Digitalisat arbeiten, benötigt man über die digitale Abbildung hinaus weitere Kerndaten wie Gewicht, Durchmesser, hochauflösende Objektabbildung, Stempelstellung und Inventarnummer. 

Die beschriebenen Parameter reichen weit über eine Abbildung in 2D oder 3D hinaus, wie lösen Sie dies Komplexität?

Die dafür benötigten Ressourcen und das Digitalisierungswissen konnte die Stiftung bisher nur begrenzt bereitstellen. Foto- oder IT-Experten findet man in der Regel nicht als dauerhafte Mitarbeiter im Museum. Die Bildung von interdisziplinären Expertenteams ist demnach essenziell für das Gelingen unseres Projekts. Wir haben mit der ThULB (Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena) einen versierten Partner im Bereich Datenspeicherung und Datenlogistik. Mit Fröbus haben wir einen vertrauensvollen Experten an unserer Seite, der zum einen versteht was unsere zentralen Herausforderungen sind, und zum anderen bereit ist, individuelle Lösungen, Prozesse und Qualitätsstandards zu entwickeln. Bspw. wurde ein temporäres Digitalisierungsstudio im Schloss installiert. Dort arbeiten die Digitalexperten von Fröbus täglich Hand in Hand mit Stiftungsmitarbeitern. Dies erleichtert die Logistik und Kommunikation um ein Vielfaches. Ein weiteres Beispiel ist die von Fröbus entwickelte Individualsystemlösung entsprechend den Anforderungen des zuvor beschriebenen Beispiels. Ein fast vollautomatischer Prozess zur digitalen Erfassung von Größe, Gewicht, Durchmesser und einer hochqualitativen Objektabbildung in 2D und 3D. Stellen Sie sich mal vor, jemand müsste für 145.000 Objekte per Hand Inventarnummer, Größe, Gewicht ect. eintippen. Das Gewicht bspw. bildet eine Art individuellen Fingerabdruck der Münze. Wir sprechen hierbei von Datensätzen wie „2,38 Gramm“. Eine Erfassung solcher Daten per Hand birgt ein enormes Fehlerpotenzial. Die Auswirkungen auf Forschungsergebnisse wären signifikant. Dank der eigens für die Münzdigitalisierung entwickelten Techniklösung von Fröbus erreichen wir eine präzise Datenerfassung in einem fließenden Prozess.

Wie gestaltet sich der Ablauf genau?

Die Digitalisierungsreise der Münze beginnt im Depot, indem eine eindeutige Objektdatenzuweisung und -identifikation via QR-Code stattfindet. So haben wir jederzeit im Blick, welche Münze sich wo befindet und dass der entstehende Datensatz 100%ig dem physischen Objekt zuordenbar ist. 

Nach dem Münz-Check-out aus dem Depot erreicht die Münze das Digitalstudio von Fröbus und durchläuft dort folgende Stationen: Münz-Check-in Identifikation und Eröffnung des Datensatzes via QR-Code, automatisierte Erfassung und Digitalisierung von Größe und Gewicht, Vorbereitung zur  visuellen Erfassung (von Staub befreien, korrekte Ausrichtung und Stempelstellung), Digitalisat (2D/3D) erstellen, Qualitätsprüfung, Datensatz schließen und einspeisen. Im Anschluss geht die Münze zurück ins Depot und wird dort via QR-Code wieder eingecheckt.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Einsatzgebiete sehen Sie in der Zukunft für die heute erstellten Digitalisate?

Es gibt unzählige Einsatzmöglichkeiten: von Forschung zu Vermittlung bis KI oder auch archivalischer Sicherung. Die digitale Welt eröffnet einen grenzenlosen Raum der Möglichkeiten. Im Besonderen für die Sichtbarkeit der numismatischen Sammlung Gotha, die zu den wichtigsten in Deutschland und auch Europas zählt. 

Digitalisierungsstation

Credits:
Schloss Friedenstein @ Schatzkammer Thüringen, Foto: Marcus Glahn

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Englisch Französisch

Über

Ralf Meyer befasst sich schon seit vielen Jahren mit der Photogrammetrie und der digitalen Erfassung von Kulturgütern. Als gelernter Fotograf kennt er sich mit den optischen Möglichkeiten bestens aus. Spannend wird es für ihn aber erst, wenn digitale Modelle und deren Entwicklung gefragt sind. Er lebt Teamarbeit, die die Kunden mit einschließt und ist meist der kritischste Begutachter der Ergebnisse.