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Digitalisierung des Jenaer Martyrologium

Jenaer-Martyologium

Dr. Joachim Ott, Leiter Abteilung Historische Sammlungen und Fachreferent Kunst und Musik an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek berichtet über das Jenaer Martyrologium:

Das Jenaer Martyrologium gilt als das älteste deutschsprachige Martyrologium. Es ist nur in einer einzigen Handschrift überliefert, dem im späten 13. Jahrhundert entstandenen Ms. Bos. q. 3 der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) Jena. Die Handschrift umfasst 113 Pergamentblätter. Wir wissen nicht, wer das Jenaer Martyrologium hat anfertigen lassen. Jedenfalls entstand es in Thüringen, wie seine Sprache verrät. Der Schreiber war Thüringer; er dürfte für ein thüringisches Publikum geschrieben haben. Der hölzerne, mit Leder überzogene Einband ist über 200 Jahre jünger als der Buchblock. In Wittenberg gehörte die Handschrift zur um 1500 vom sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen (1463–1525) begründeten Bibliotheca Electoralis. Wann und wie die Handschrift nach Wittenberg gekommen war, lässt sich nicht rekonstruieren. Im Jahr 1549 gelangte der ganz überwiegende Teil Bibliotheca Electoralis und damit auch das Martyrologium nach Jena. Die Bibliotheca Electoralis ist der Gründungsbestand der heutigen ThULB Jena.

Martyrologien nennt man nach dem Kalender geordnete Verzeichnisse christlicher Märtyrer, d. h. Heiliger, die in den Jahrhunderten der Christenverfolgung ihr Leben für ihren Glauben gelassen haben. Der Kalender legte die Wiederkehr der Gedenktage fest. In den Kirchen wurde von den Märtyrern in deutscher Sprache gepredigt. Im straff organisierten Tageslauf der Mönchsorden erhielt die Verlesung der Martyrien ihren festen Platz nach der Prim, dem gemeinsamen Morgengebet.

Man nimmt an, dass das Jenaer Martyrologium seit dem 13. Jahrhundert in Thüringen vor einem geistlichen Publikum, das Latein nur unzureichend verstand, eingebunden in regelmäßige geistliche Verrichtungen wohl nach dem gemeinsamen Chorgebet von einem Vorleser oder einer Vorleserin in Abschnitten, die zum jeweiligen Festtag der Märtyrer passten, verlesen wurde. Die Martyrien der Heiligen werden im Jenaer Martyrologium nicht allein in Erzählungen vergegenwärtigt, sondern auch in Bildern veranschaulicht, was die Handschrift zu einer großen Besonderheit macht. Jedem Tageseintrag lässt sich ein kompositorisch und farblich lebendig gestalteter Bildstreifen zuordnen, der ausgewählte Szenen aus den jeweiligen Legenden zum Gegenstand hat. Fast jedem der 365 Tageseinträge im Jenaer Martyrologium ist eine Miniatur zugeordnet. Im Anschluss an das Martyrologium, auf den letzten Seiten der Handschrift, folgt eine kurze „Unterweisung zur Vollkommenheit“.

Das Jenaer Martyrologium gehört zu den bei weitem wertvollsten Handschriften der bedeutenden historischen Sammlungen der ThULB Jena. In Kooperation der Bibliothek und des Belser Verlags konnte nun von der Handschrift eine Faksimile-Ausgabe höchster Qualität realisiert werden, begleitet von einem Kommentarband des Autors Dr. Tobias Ertel. Auf diese Weise kann eine der bemerkenswertesten illustrierten deutschsprachigen Handschriften des Mittelalters einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.

Die Aufgabe bestand in der 2D-Digitalisierung des fast 750 Jahre alten Werkes. Es ware bereits vor einiger Zeit digitalisiert worden. Problematisch war dabei, dass Bücher zum Bund hin abfallen und sowohl Texte als auch Bilder weit in den Bund hineinlaufen. Damit ist keine plane Reproduktion auf einer Ebene möglich, bzw. es würde einiges an Bildinformationen verborgen bleiben. Unter Zuhilfenahme von eigens entwickelter Reprotechnologie und den Erfahrungen aus anderen Digitalisierungsprojekten konnten wir das Werk zunächst Digitalisieren und somit die Grundlage für einen Nachdruck des Werks schaffen.

Die Animation zeigt deutlich, wieviel mehr man mit der richtigen Technologie und dem entsprechenden Fachwissen aus einem gebundenen Werk darstellen kann.

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Zitat Frank Bayerl: "Die digitale Erfassung des kulturellen Erbes ist bei uns deshalb genau in den richtigen Händen, weil wir, aus der „schwarzen Kunst“ kommend, mit Streifenlichtscanverfahren, Photogrammetrie, Farbmanagement, Datenbanken und der Präsentation der Assets professionell seit Jahrzehnten umgehen."